Verfasst von: mekin | 04/29/2009

[review]>>Jan Rehmann: Herrschaft und Subjektion im Neoliberalismus. Die uneingelösten Versprechen des späten Foucault und der Gouvernementalitäts-Studien.

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Rehmann, Jan (2007): Herrschaft und Subjektion im Neoliberalismus. Die uneingelösten Versprechen des späten Foucault und der Gouvernementalitäts-Studien. In: Kaindl, Christina (Hg.): Subjekte im Neoliberalismus. Kritische Wissenschaften, Bd.2, BdWi-Verlag, Marburg, S.75-92.

Jan Rehmann zeigt in seinem Beitrag für den Sammelband Subjekte im Neoliberalimus sowohl, dass Foucaults analytische Unterscheidung von Herrschaft und Macht bzw. von Herrschaftstechniken und Techniken der Selbstführung nicht mit den gesellschaftlichen Strukturen der Herrschaft vermittelt sind, als auch, dass die an diese Unterscheidung anknüpfenden Gouvernementalitäts-Studien durch den ausdrücklichen Verzicht auf ideologiekritische Analyse sich auf eine immanente Nacherzählung der Managementliteratur beschränken. Die formulierte theoretische Kritik schränkt nach Rehmann die Bedeutung für eine Kritik des Neoliberalismus aber nicht ein, da sie einen relevanten Teilbereich neoliberaler Ideologie behandeln. Mit einer (subjektiwissenschaftlichen) Reinterpretation der Gouvernementalitäts-Studien kann das Zueinander von gesellschaftlicher Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung im Neoliberlismus erfasst werden und so die Gesellschaft bestimmenden Widersprüche sichtbar gemacht werden.
Die begriffliche Fassung von Gouvernemantlität bei Foucault lässt sich kaum eingrenzen. Die Verwendung des Begriffs bleibt uneinheitlich, auf einer ersten Ebene ist die Art und Weise angesprochen, in der Verhalten von Menschen gesteuert werden, auf einer zweiten Ebene eine Tendenz der Regierungsführung in spezifisch jüdisch-christlicher Traditon (Pastorat), auf einer dritten Ebene sieht Foucault politische Gouvernementalität bei Reformation und Gegenreformation im 16. Jh. anbrechen, eine Art Vorform der Gouvernementalität, denn auf einer vierten Ebene fasst er Gouvernementalität als moderne Regierungskunst, die die Staatsfixierung im 18. Jahrhundert überwindet und das Problem der Regierung außerhalb des juridischen Rahmens der Souverenität denkt. (Vgl. S.80f)
Wenn Foucault verkündet: „Wir leben im Zeitalter der Gouvernementalität, die im 18. Jahrhundert entdeckt wurde“ (Dits et écrits 1954-1988, Bd.1), stellt sich die Frage warum die Gouvernementalitäts-Studien für sich beanspruchen, mit der Kategorie der Gouvernementalität einen Schlüssel zum Verständnis des Neoliberalismus gefunden zu haben, schließlich deckt die Epoche seit dem 18. Jahrhundert neben Liberalismus, auch Koservativismus, Faschismus, Sozialdemokratismus usw. ab. Der Begriff der Gouvernementalität ist nicht nur hinsichtlich seiner Ausdehnung, sondern auch in Bezug auf die Realitätsebene, auf die er sich beziehen soll, problematisch. Gouvernementalität richte sich, so Foucault, auf Menschen in Beziehung zu Dingen, Reichtümern, Bodenschätzen usw. „Aber als Spezifik einer modernen, ökonomischen Gouvernemantalität ist die Kennzeichnung ungeeignet, denn Menschen waren immer mit Dingen verwicklet, und Herrschaft musste sich auf länge Sicht irgendwie auf diesen Zusammenhang, z.B. auf die Verfügung über ökonomische Ressourcen und Arbeitskräfte beziehen.“ (S.80) Diese Absehung von Produktionsverhältnissen und ökonomischer Herrschaft in vorneuzeitlichen Regierungen, ließe sich nach Rehmann nur begründen, wenn nicht die Art und Weise der historisch-konkreten Regierungen, d.h. wie diese wirklich regiert haben, angesprochen wäre, als vielmehr bestimmte Denkweisen, die den Regierungspraxen zugrunde liegen. Tatsächlich zielt Foucault mitunter auf ein solches Verständnis von Gouvernementalität, steht damit aber im Widerspruch zu seiner eigenen Defintion von Gouvenementalität, wo es heißt, es ginge um das Ensemble von Institutionen, Vorgängen und Reflexionen, mit der die Bevölkerung geführt wird.
Die Problematik einer Engführung der Gouvernementalität auf den Regierungspraxen zugrunde liegenden Denkformen, zeigt sich exemplarisch an der Behandlung des Liberalismus. Auch hier will Foucault liberale Gouvernementalität nicht als Theorie oder Ideologie verstanden haben, sondern als Weise des Tuns. Angesprochen ist eine vermeintliche Oppostion des Liberalismus gegenüber staatlicher Reglementierung, nicht betrachtet wird die Absicherung ungleicher bürgerlicher Eigentumsverhältnisse etwa über einen harten Besitzindindividualismus. Die in Foucaults Paradigma hervorgehobene Überwindung der Ideologiekritik, kann so nicht mehr nach der ideologischen Funktionsweise des Liberalismus im Gesamt bürgerlicher Herrschaft fragen. „Es bleibt bei einer unkritisch-einfühlenden Nacherzählung.“ (S.81)


Rehmann sieht als zentrales Problem der Gouvernemenatlitäts-Studien das immanente Nacherzählen von Unternehmenerstellungnahmen, Managementliteratur, Regierungsverlautbarungen und Mainstreampresse, ohne in den Analysen auf die ideologische Funktion in betrieblicher Realität, Herrschaftsverhältnissen und Führungsmethoden des Neoliberalismus einzugehen. Damit werden die behandelten Texte theoretisch verdoppelt. (Vgl. S.82)
Ein weiteres Problem der Gouvernementalitäts-Studien ist, dass die Unterscheidung von Selbst- und Fremdführungstechniken, die Foucault thematisiert hatte herausfällt. Beschrieben werden Programmschriften der Managementliteratur, die von außen an die Subjekte herangetragen wird und von oben nach unten wirkt. Die Nicht-Unterscheidung der Fremd- und Selbstvergesellschaftung, etwa bei Bröckling (2000) und Opitz (2004), ist Folge des Reskurs auf die Subjekttheorie Judith Butlers, bei der Hervorbringungen und Unterwerfung des Subjekts zusammenfallen und auch von der lacanschen Psychoanalyse vertreten wird. Der bei Althusser als Anrufung bezeichnete Vorgang der Konstitution der Subjekte durch die Ideologie, ist nach Butler nur möglich da es in der Kindheit eine „Gründungsunterwerfung“, ein „vorwegnehmendes Begehren“ des Angerufenen, „vom Angesicht der Autorität gesehen zu werden“ (Butler: Psyche der Macht). Die Konstruktion eines Unterwerfungsbegehrens kommt einer anthropologischen Grundannahme gleich, bei der ein Zustand frühkindlicher Abhängigkeit ontologisiert und als essenzialistisch zum Wesenszug des Menschen erklärt wird. Die in den Gouvernementalitäts-Studien folgenlos gebliebene Unterscheidung von Selbsttechnologien und Herrschaftstechnologien ist kein Zufall, sondern hat hier ihren systematischen Grund. Zu erklären ist dann auch nicht, wie neoliberale Herrschaft emanzipatorische Elemente entwendet und in ein modernisiertes System der Herrschaft überführt. Damit ist Widerstand auch nur als taktische Verschiebung innerhalb der Macht in der Übernahme des Gouvernements denkbar. „Es ist, als würde die gegenwärtige Ohnmacht der Linken angesichts der hegemonialen Übermacht des Neoliberalismus theoretisch festgeschrieben und verewigt.“ (S. 87)
Die von Rehmann formulierte theoretische Kritik, schränkt die Bedeutung für eine Kritik des Neoliberalismus nicht ein, da sie einen relevanten Teilbereich neoliberaler Ideologie behandeln. Mit einer Reinterpretation der Gouvernementalitäts-Studien kann das Verhältnis von Herrschaft und Subjektion im Neoliberalismus im Hinblick auf das Zueinander von gesellschaftlicher Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung erfasst werden und so die die Gesellschaft bestimmenden Widersprüche sichtbar gemacht werden. Dies soll an dieser Stelle abschließend an zwei Thesen Rehmann verdeutlicht werden:

  • Die in den Gouvernementalitäts-Studien beschriebene Umstellung auf Selbstführung kann nur mit Bezug auf veränderte Produktionsweisen verstanden werden und „erweist sich dann als eine widersprüchliche Subjektions-Form, bei der die Subjekte als autonome angerufen und zugleich in Subalternität gehalten werden: Selbstbestimmung, aber für fremdes Eigentum, Selbstständigkeit als Selbstunterstellung unter die eigene Markfähigkeit.“ (S.88) Hierdurch würde auch deutlich, dass die in den Gouvernementalitäts-Studien beschriebenen neuen Anforderungen an die Subjekte nicht auf das Gesamt der Gesellschaft verallgemeinert werden können, sondern ihren gesellschaftlichen Ort in der Arbeitselite der Industrienationen haben.
  • Die Unterstellung eines homogenen Modells der Selbstaktivierung erweist sich unter Rückgriff auf die Spaltungen der Gesellschaft als widersprüchlich. Einerseits sind Subjektionsstrategien hinsichtlich verschiedener gesellschaftlicher Gruppen selbst uneinheitlich, anderseits funktionieren gleiche neoliberale „Anrufungen“ in verschiedenen Milieus unterschiedlich: „tendenziell idenitätsunterstützend, wenn sie mit einer spezifischen Arbeitsrealität korrelieren, tendenziell subjektzerstörerisch, wo es keine Handlungsmöglichkeiten gibt. (Vgl. S.89)


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